Edition Habermann

Judita Habermann

Gerade habe ich das Buch Gratwanderung von Luise Rinser gelesen. Sie veröffentlichte darin 1994 einige ihrer Briefe an den bedeutenden Theologen Karl Rahner, mit dem sie ein Verhältnis freundschaftlicher Liebe verband. In der Einführung bekennt die Autorin: „Ich lebte als Kind (möglicherweise als Frucht aus einem früheren Leben) eine authentische Form mystischer Frömmigkeit, die später überdeckt wurde von meiner Intellektualität und meiner Befassung mit dogmatischer Theologie, die mich zum Agnostizismus bis zur Grenze des Atheismus führte, viel später aber, auf dem Weg meiner Begegnungen mit fernöstlichen Religionen, wieder einholte.“ Rahner führte Rinser, wie sie schreibt „über meine Befassung mit östlichen Religionen zu einer universellen Religion, in der auch das Christentum seinen Platz hat.“

Ein weites Herz

Die Beschäftigung „mit östlichen Religionen“ hat ihren geistigen Horizont erweitert, zumindest nach eigener Einschätzung. Dass die so genannten östlichen Religionen weniger eng als das Christentum sind, scheint sich in Japan zu betätigen. Viele sind Buddhisten, gleichzeitig Anhänger des Shintoismus und dann heiraten sie auch noch christlich, weil ihnen das Ritual gefällt. Auch in Luise Rinsers Leben und Denken fanden in ähnlicher Weise viele Inhalte ihren Platz. Eine wichtige Station auf ihrer „Befassung mit östlichen Religionen“ war die Begegnung und Auseinandersetzung mit Lama Anagarika Govinda, die Benedikt Maria Trappen unlängst in einer äußerst faszinierenden Studie untersuchte. Beim Lesen dieser Untersuchung drängte sich mir der Eindruck auf, dass bei Luise Rinser – über alle geistigen Interessen – hinaus, bei den spirituellen Mentoren, die sie sich suchte, der Mann als solcher eine ebenso große Rolle spielte wie seine Botschaft. Das galt für Rahner wie für Govinda – und darüber hinaus für manch andren.

Eine Frau, die aus dem Rahmen fiel

Um es auf Neudeutsch zu sagen: Luise Rinser hat viele Männer angebaggert. Zu Rahner und Govinda gesellt sich neben Ernst Jünger und Kim Il Sung manch anderer. Ihrem Beuteschema entsprachen große Männer, die auf die eine oder andere Weise schöpferisch waren. Aber war sie deswegen in den Inhalten weniger ernsthaft? Waren ihre geistigen Ambitionen, die sie mit einem Gegenüber erörterte, weniger ehrlich, weil sie dieses Gegenüber auch als leibhaftiger Mann interessierte?
Luise Rinser war eine ganze Frau, weil sie für sich selbst zu dem stand, was sie fühlte, wollte und dachte. Eine solche Frau muss nicht immer aufrichtig auf andere wirken, und kann sich doch selbst treu bleibt. Sie ist viel gescholten worden, etwa deswegen, weil sie nie darüber sprach, dass sie nicht gleich zu Beginn der NS-Ära entschieden auf der Seite der Gegner stand, sondern ihre Widerständigkeit allmählich wuchs. Aber muss man denn über alles sprechen, sich für alles rechtfertigen? Treu muss man sich bleiben, in aller Weite und allen Widersprüchen. Wer das schafft, fällt aus dem Rahmen derer, die sich für andere brav und rund machen. Darin bleibt sie zumindest für mich ein wahres Vorbild.