Tótila Albert: La Tierra. (Foto: Dennis Jarvis)

Untergründige Kulturgeschichte

 
Judita Habermann

Den chilenischen Bildhauer Tótila Albert kannte ich bisher nur durch seine Skulpturen in südamerikanischen Parks. Jetzt weiß ich, dass er sich für einen Urenkel des bayrischen Königs Maximilian II. hielt. Ob er recht damit hatte, wissen die Götter. Albert glaubte nämlich so manches, auch an eine geheimnisvolle geistige Beziehung zwischen ihm und großen Komponisten wie Beethoven und Mozart. Das erlaubte ihm, so meinte er, den tieferen Sinn ihrer Musikwerke in deutschsprachige Gedichte zu übersetzen. Von dieser Gabe machte der Chilene oft Gebrauch, zum Beispiel bei der berühmten Unvollendeten von Franz Schubert.

Tótila Albert

Was Albert als Übersetzung der unfertigen Sinfonie Schuberts niederschrieb, gelangte in die Hände des deutsch-bolivianisch-indischen Buddhismus-Gelehrten Lama Anagarika Govinda. Dieser hielt sich bekanntlich, wie sein Bestseller Der Weg der weißen Wolken verrät, für die Reinkarnation des romantischen Dichters Novalis. Ob er recht damit hatte, wissen die Götter. Doch sichtlich angetan von dem, was der Geist des Komponisten Schubert dem Bildhauer Albert diktierte, verfasste Govinda seine eigene Deutung davon, in der er die Unvollendete durch Tótila Alberts Auslegung für vollendet erklärte.

Surreale Beziehungen

Hätte das im 19. Jahrhundert der Schubert Franzl gewusst! Ein Undercover-Mitglied des bayrischen Königshauses und ein als buddhistischer Lama wiedergeborener romantischer Dichter werden über hundert Jahre später seine „Unvollendete“ abschließen! Aber wer weiß, vielleicht ließ Schubert seine Sinfonie in h-Moll sogar unfertig, weil er eben genau das schon ahnte? Ja, die ganze Geschichte klingt reichlich schräg, will man nicht gleich „verrückt“ sagen. Ich finde, „surreal“ ist genau die richtige Bezeichnung dafür. Vielleicht auch aus diesem Grund widmete sich der Philosoph Volker Zotz dieser Sache, in dessen Werk der Surrealismus bekanntlich eine wichtige Rolle spielt. Zotz, der die Manuskripte Alberts und Govindas 2015 in einem Archiv fand, hat dazu eine vielschichtige Einführung verfasst. Das Ganze ist nun in der Edition Habermann unter dem Titel Merkwürdige Sachen als Buch erschienen.

Jenseits des Mainstreams

In seiner Einführung legt Volker Zotz ein untergründiges Stück der abseitigen Kulturgeschichte frei. Tótila Albert lebte bis zum Zweiten Weltkrieg einige Zeit in Deutschland, wo er neben etablierten Größen aus Kunst und Literatur manchen Vertreter der damaligen Gegenkulturen kennen und schätzen lernte. Fäden führen zum Okkultismus, zu Außenseitern des deutschen Judentums, die eine überkonfessionelle Religionsgemeinschaft schaffen wollten, zu Anhängern Gandhis und bis zum Mahatma selbst nach Indien. Govinda wiederum beschäftigte sich mit Tótila Alberts lyrischer Schubert-Interpretation in seiner letzten Lebensphase, als ihm selbst das Thema „Dichtung“ wie einst in der Jugend wieder wichtig wurde. Für mich zeigt sich hier wieder überdeutlich: Die wahrhaft interessanten (inter-) kulturellen Entwicklungen laufen meistens unterhalb und jenseits des Mainstreams. Oft werden sie zu Lebzeiten der Akteure gar nicht bekannt, weil diese gar nicht die Öffentlichkeit und den kommerziellen Erfolg suchen. Die Troika Schubert-Albert-Govinda gehört zweifellos in diese Kategorie.