Was Bücher machen

Was Bücher machen

Judita Habermann

Am Internet-Auftritt der Edition Habermann habe ich als Zeichen der Solidarität in unserer wichtigen Branche das Logo eines Netzwerks von Buchschaffenden anbringen lassen, das die Aufschrift „Ich mach was mit Büchern“ trägt. Als unser Autor Benedikt Maria Trappen das sah, kommentierte er: „Ich mach was mit Büchern? – Bücher machen was mit mir…“ Da hat er ins Schwarze getroffen, dachte ich. Obwohl von Menschen ersonnen und fabriziert, prägen und formen Bücher ihrerseits Menschen. Das gilt für fast jeden, ob er Bücher schreibt, redigiert oder verlegt. Die dabei erlebten Prozesse der Wandlung wurden mir in den Jahren bewusst, in denen ich für amerikanische Verlage arbeitete.

Das Wesen Buch

Kein Autor war nach der Geburt eines Buchs derselbe, der er vorher war, gleichgültig, ob er einen Roman oder ein Kochbuch geschaffen hatte. Schreiben verändert Schreibende. Dabei spielt keine Rolle, als wie tiefsinnig oder banal andere das jeweilige Ergebnis werten. Je mehr ein Buch Gestalt annimmt, umso eigenständiger wird seine Wirklichkeit. Aus einem Samen, der nicht mehr als ein Teilchen der Seele oder der Gedankenwelt des Verfassers war, formt sich eine objektive Gegebenheit, die sich schließlich der Macht des Urhebers entzieht. Wie eine andere Person steht das Buch vor ihm und fragt lautlos: „Wer war zuerst da, du oder ich?“ Für Beobachter aus einer anderen Sphäre mag es sich so darstellen: Da suchen sich Bücher geeignete Menschen, durch die sie wahrnehmbar werden dürfen. Als oft harmlose, manchmal aber auch gefährliche Nebenwirkung werden die Beteiligten dabei vom Geist des Buchs verwandelt.

Wer als Lektor ein Buch vor dem Erscheinen liest und mit dem Autor um den einen oder anderen Punkt ringt, oder wer in anderer Weise von den verlegerischen Abläufen betroffen ist, trägt zu diesem Prozess bei. Auch ihn transformiert das werdende Buch. Es ist ein magisches Medium, das etwas mit Menschen macht. Sogar wenn ein Buch keinen Leser fände, seine Geburtshelfer hätte es auf geheimnisvolle Weise verzaubert.

Leser sind Künstler

Die Künstlerin beim Schaffen

Aber ein Buch findet Leser, die den Inhalt lebendig werden lassen, indem sie ihn auf neue Weise erschaffen und dabei ihrerseits verwandelt werden. Lesen ist interpretierende Kunst. Vor ein paar Jahren las ich das Buch Kunst und Wahrheit von Hans Sedlmayr. Darin beeindruckte mich die Idee, die Deutung von Kunst sei auch eine solche, nämlich interpretierende Kunst. Wer ein Gemälde oder eine Skulptur erlebt, wirkt nach Sedlmayr als Künstler, wie ein Organist, der eine Komposition von Johann Sebastian Bach zum Leben erweckt. Genauso ist es mit dem Lesen, dachte ich damals. Jeder Leser ist in diesem Sinn ein Künstler. Wie der Instrumentalist von der Komposition lässt er sich vom Text ergreifen und deutet ihn auf seine Weise. Wenn zwei Leser ein Buch lasen, sind zwei Werkinterpretationen daraus geworden.

Natürlich sind bei Autoren, Verlagsmitarbeitern und Lesern die Intensitäten, mit denen erlebt und Verwandlung erfahren wird, von Werk zu Werk verschieden. Aber auch wenn das Buch immer weiter zur lieblos gefertigten industriellen Massenware verkommen sollte, ein Körnchen Wahrheit bleibt hoffentlich in dem, was ich gerade geschrieben habe. Zumindest will ich das so.