Wirkungsvolle Bücher

Wirkungsvolle Bücher

Judita Habermann

Wenn man wie ich in der Verlagsbranche tätig ist, wünscht man sich, an der Erzeugung wirkungsvoller Bücher mitzuarbeiten. Wann aber lässt sich überhaupt sagen, dass ein Buch Effekt zeigt? Sicher darf man die Latte nicht zu weit nach oben legen. Bücher, die ganze Epochen und Kulturen beeinflussten, etwa die Bibel und der Koran, können kein Maßstab für heutige Produzenten sein. Das gilt auch für die herausragenden Bücher, die in den letzten Jahrhunderten unser Schicksal bestimmen. Man denke an Kants Kritik der reinen Vernunft, an Charles Darwins The Origin of Species oder Sigmund Freuds Traumdeutung. Auch wenn die wenigsten unserer Zeitgenossen diese Werke lasen, ihre Inhalte prägen sie trotzdem bis heute.

Unvorhergesehene Effekte

Karl Marx: Das Kapital

Wer bestreitet nach Immanuel Kant noch, dass man sich an die Vernunft zu halten hat? Seit Darwin sitzt uns zudem die Idee der Evolution Nacken. Auch wer beteuert, früher sei alles besser gewesen, entzieht sich nur schwer dem Höherentwicklungs- und Fortschrittsdenken. Immer aufwärts soll es gehen, und immer mehr muss angehäuft werden! Sogar den Menschen will man nachbessern und seine Lebenszeit verlängern. Gentechnologie und elektronische Komponenten im Körper sollen diese „Transhumanismus“ genannten Frankenstein-Visionen ermöglichen. Darwin hatte davon wohl nichts im Sinn, als er sein Buch schrieb. Auch Goethe sah nicht vor, dass sich Leser der Leiden des jungen Werthers das Leben nehmen. Dasselbe gilt für Karl Marx und die politischen Folgen von Das Kapital. Wirkungsvolle Bücher haben wahrscheinlich nur selten die von Autoren und Verlagen gewünschten Effekte.

Das Buch als Konsumware

Govinda: „… wahllos in die Welt geschleudert“

Werden heutzutage noch Bücher geschrieben, die das Potential aufweisen, eine ganze Epoche zu beeinflussen? Sollte es diese Bücher geben, hätten sie es schwer, langfristig zu wirken. Das Buch ist inzwischen ein Konsumartikel wie der Lippenstift. Große Verlage produzieren oft mit Rücksicht auf einen Markt, der kurzfristigen Trends und Moden folgt. Nicht selten bleiben Titel nur mehr zwei Jahre im Verkauf. An langfristiger Pflege von Büchern und Autoren besteht kein Interesse mehr, sondern lediglich an dem, was sich im Moment gut absetzen lässt. Das hängt mehr mit dem Cover eines Buchs zusammen und der Häufigkeit, in der sein Autor in seichten Talkshows des Fernsehens erscheint, als mit dem Inhalt. Wie Anagarika Govinda in seinem Buch Grundlagen tibetischer Mystik schrieb, leben wir in einer oberflächlichen Zeit, in der „das gesprochene und geschriebene Wort millionenfach vervielfältigt und wahllos in die Welt geschleudert wird.“

Es kommt nicht auf Masse an

Der eine Leser, auf den es ankommt

Ich persönlich halte wenig davon, beim Produzieren von Büchern nach äußeren Wirkungen zu schielen, wie es marktführende Verlage im Hinblick auf den raschen Absatz tun. Epochemachende Effekte, lassen sich realistisch schon gar nicht anpeilen. Statt der Wirkung am Markt, bei den Rezensenten oder im weiteren Verlauf der Geschichte geht es mir um Wirkungen für den Leser. Ich gebrauche hier bewusst die Einzahl, den Leser. In seinem fesselnden Büchlein Was tun? (2020) schreibt der Historiker David Engels: „Das ‚richtige‘ Buch zum ‚rechten‘ Zeitpunkt, egal wie seine tatsächliche literarische Qualität gemessen sein mag, kann uns manchmal helfen, uns eine neue geistige, geistliche oder gefühlsmäßige Welt zu erschließen.“ Wenn ein Buch in diesem Sinn nur einem Leser das Tor in eine neue Welt öffnet, hat es Bedeutung und Wirkung.