Abschied vom Synchrontanzen

Abschied vom Synchrontanzen

Judita Habermann

In meiner verlegerischen Schreibtischarbeit stehen oft Texte im Fokus der Aufmerksamkeit. Bei diesem abstrakten Tun könnte leicht in Vergessenheit geraten, dass ich neben dem Geist, der gerade werkelt, vor allem ein Körper bin. Mein perfektes Korrektiv: Tanzen! Dabei finde ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu mir, obwohl ich manchmal nicht so richtig weiß, wer oder was diese Frau ist, die zu sich findet. Was ich aber weiß: Tanzen führt mich zu einer Einheit von Leib und Innenleben. Eine Hochstimmung löst meine Blockaden im Denken. Darum will – eigentlich muss – ich alle paar Tage ungehemmt und zügellos tanzen. Das war nicht immer so.

Die Synchronschwimmerin

Synchronschwimmerinnen der 1930er Jahre

Als Teenager besuchte ich mit Freundinnen Diskotheken. Damals machte ich vieles, weil es andere taten. Gespielt wurden Mainstream-Hits, die man dauernd im Radio hörte. Mich nervte, zu immer denselben Liedern zu tanzen, die gerade in waren. Aber ich wollte dazugehören. Meine Bewegungen passten sich denen der Freundinnen an. Vielleicht würden sie sagen, dass es umgekehrt war. Jedenfalls hatten wir ein Standard-Hopsen, eine durch stillschweigendes Übereinkommen akzeptierte Gruppen-Choreografie, die reif und cool wirken sollte. Mit dem, was ich bei der Musik empfand, hatte das kaum zu tun. Wir glichen Synchronschwimmerinnen, die wie auf Knopfdruck gleichzeitig mit einem Bein oder Knie aus dem Wasser ragen. Dieser Damensport scheint mir ähnlich albern wie der preußische Stechschritt von mit Flinten bewaffneten Herren. Betroffene mögen das anders empfinden, für mich sind es Symbole der Unfreiheit.

Bewegte Erleuchtung

„Eine Art Trance? Vielleicht.“

Mit 22 entdeckte ich in einer unvergessenen Nacht wahres Tanzen. Bei einer aufreibenden Bar-Hopping-Tour mit zwei Freundinnen erreichten wir das letzte Lokal, – so spät, dass manche das als „früh“ bezeichnen. Nach dem Prinzip „Die Letzten werden die ersten sein“, waren wir die einzigen Gäste. Aus Lautsprechern tönte Musik der 1970er, Klassiker aus Tagen unserer Ahnen. Als kurz nach unserem Eintreffen das Lied Sara von Fleetwood Mac erklang, stürmten wir auf die Tanzfläche. Niemand war hier. Eine mögliche Blamage vor dem Barmann zählte nicht. Spätestens übermorgen hätte er uns vergessen. „Tu‘ was du willst,“ dachte mein Kopf, und die Jahre, in denen ich lieber im Gleichtakt hüpfte als aufzufallen, rückten in weite Ferne. Die Melodie und die Stimme der Sängerin Stevie Nicks strömten durch meinen Körper, der Rhythmus ging – gefühlt real statt sprichwörtlich – ins Blut. Die Musik machte mit mir, was sie wollte, und gleichzeitig machte ich aus ihr, was ich wollte. Eine Art Trance? Vielleicht. Aber bewusst und glücklich wie nie zuvor erfüllte mich eine klare Einsicht.

Quelle der Intuition

Die Erleuchtung dieser Nacht begleitet mich bis heute: „Ab sofort lasse ich das Synchronschwimmen. Andere – sei es auch die Mehrheit der Gesellschaft – sollen meinen und machen, was sie wollen. Ich tue es ihnen nicht gleich, wenn ich abweichend denke und fühle. Ich folge meinem Rhythmus!“ Seither führt mich jedes Tanzen in eine Sphäre außerhalb der Zeit und bestärkt meinem Weg. Etwa einmal monatlich tanze ich bis zum frühen Morgen und staune, dass es wieder hell ist. Oft klären sich dabei Fragen, als hätte ich am Kelch mit dem Wein der Erkenntnis genippt. Brauche ich dringend eine Eingebung, wie es weitergehen soll, führt Tanzen fast unfehlbar zum Ziel.