Edition Habermann

Judita Habermann

Als passionierte Theaterbesucherin bin ich noch heute jedesmal gespannt wie ein kleines Kind, was wohl geschieht, wenn der Vorhang aufgeht. Daran ändert sich auch nichts, wenn ich das Stück schon sechsmal gesehen habe. Vor dem Fernsehschirm findet man mich nie, da fehlt einfach der Vorhang. Ins Kino gehe ich eher selten, obwohl es da früher Vorhänge gab. Wenn ich mir doch einmal einen Film ansehe, bleiben mir meist nur kurze Szenen in Erinnerung. Und da geht es oft gar nicht um für die Handlung wichtige Dinge, sondern es sind, objektiv betrachtet, banale Nebensachen, die mich faszinieren. Das kann ein prägnanter Satz sein, wobei nicht unbedingt der Inhalt eine Rolle spielt, sondern eher die imposante Betonung. Manchmal ist es auch ein Blick, eine Bewegung, eine gelungene Kuss- oder Schimpfszene… Vor fünf Jahren habe ich Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück gesehen. Der Film mit wahrem Hintergrund spielt im Chile zur Zeit der Machtübernahme von Augusto Pinochet. Es geht um eine totalitär geführte Siedlung von ausgewanderten christlichen Sektierern aus Deutschland. Im Film gab es eine Nebenrolle, deren Charakter schlicht Bernd hieß. Sein Auftreten gehören zu meinen unvergesslichen kurzen Eindrücken als Kinobesucherin. Der Name des Schauspielers, der Bernd verkörperte, sagte mir damals nichts: Steve Karier.

Der Schauspieler des Jahres

Aber bald wurde mir dieser Mann zum Begriff! Steve Karier kommt aus der Welt des Theaters, wo man ihn als Regisseur, Schauspieler und Festivaldirektor kennt. Am Theater Krefeld und Mönchengladbach inszenierte er im Dezember 2020 das Stück Quartett von Heiner Müller. Während einer Probe gefragt, warum er trotz der durch „Corona“ bedingten Einschränkungen so voller Tatendrang sei, antwortete Karier: „Weil ich beim Theater arbeite und nichts anderes kann, deshalb muss ich weitermachen.“ Wenn ein solcher homme de théâtre sagt, dass er „nichts anderes kann,“ wirkt das auf mich wie eine Variante von Heiner Müllers berühmtem Satz: „Die eigentliche Aufgabe der Literatur: die Wirklichkeit, so wie sie ist, unmöglich zu machen.“ Karier ist also genau der Richtige für die Regie eines Stücks von Heiner Müller, den er ohnehin versteht wie kaum ein Zweiter. Schon 1996 adelte die Zeitschrift Theater heute Steve Karier für seine Hauptrolle in Müllers Philoktet zum „Schauspieler des Jahres“.

Steve Karier

Weibliche Lyrik in männlicher Stimme

ich bin aus dir gemacht, Hörbuch 2021
Hörbuch 2021: „ich bin aus dir gemacht“

Dafür, dass ich jetzt über diesen großen Theatermann schreibe, gibt es einen sehr konkreten Anlass. Wieder einmal hat er, der „nichts anderes kann,“ Anfang 2021 sein Publikum in Erstaunen versetzt. Diesmal gelang es ihm mit einem außergewöhnlichen Hörbuch: Friederike Migneco: ich bin aus dir gemacht: und andere liebesgedichte gelesen von Steve Karier.
Ich gestehe, ich war nicht wenig verblüfft, als ich erfuhr, dass Karier sich unter der relevanten Gegenwartslyrik tatsächlich Friederike Mignecos Gedichten widmet. Mignecos Verse, besonders ihre Liebeslyrik, empfinde ich als besonders weiblich. Karier nehme ich dagegen wahr als Mann, wie er im Buche steht, wobei ich in seinem Fall sagen muss: wie er auf der Bühne steht. Jedenfalls wirkt er auf mich ausgesprochen maskulin. Darum habe ich mich gefragt: Wie sollte das harmonieren, eine Stimme, die ich mit männlichen Rollen verbinde, und diese Texte, bei deren Lesen ich eine weibliche Stimme im Kopf habe?
Dass es wunderbar passt, weiß ich nach dem begeisterten Hören, – allerdings nicht, woran es liegt. Ist es ein Brecht’scher Verfremdungseffekt? Bringt die männliche Stimme neue Aspekte des Gefühls in Mignecos Texten zum Klingen? Oder liegt es einfach daran, dass er „nichts anderes kann“, dieser Steve Karier?