
Jochen Kirchhoffs Innenräume

Unter dem Titel Die Abschaffung des Menschen veröffentlichte der von mir sehr geschätzte Schriftsteller Gunnar Kaiser ein Gespräch, das er mit dem Philosophen Jochen Kirchhoff führte. Kirchhoff hat schon wiederholt zu Büchern beigetragen, die in der Edition Habermann erschienen, etwa zur Festschrift zum 60. Geburtstag seines Philosophen-Kollegen Volker Zotz. Im Gespräch mit Gunnar Kaiser kritisiert Kirchhoff den Versuch, alles auf das zu reduzieren, was man für stofflich oder für die Materie hält. „Der Mensch ohne die metaphysische Dimension, was soll das sein?“ fragt Kirchhoff und macht darauf aufmerksam, dass der eigene Innenraum unser Wesentliches ist und bleibt. Menschsein bedeutet mehr das, was wir in der internen Dimension denken und fühlen, als die Schale, die wir in der Außenwelt zur Schau stellen.
Die Sache mit der Liebe
Wenn sich zwei Menschen gegenübersitzen, so Kirchhoff, sieht man im anderen nicht nur die Physis, sondern intuitiv ist da sehr viel mehr präsent. Recht hat er, denn wie wäre es sonst möglich, dass ich mich in einen anderen Menschen verliebe? Beim Lieben geht es um mehr als Nasenform und Haarpracht. Ich erlebe es in einer zeitlosen Tiefendimension, fern von aller Hektik da draußen. „Lieben heißt: im Detail leben. Alles ganz langsam und ruhig tun. Es ist Zeit genug.“ So lautet meine Lieblingsstelle im Buch Der Himmel ist auch die andere Erde von Benedikt Maria Trappen, dort zu finden auf Seite 52. Damit sind wir wieder bei Jochen Kirchhoff, der das Vorwort zu diesem schönen Band schrieb. Der Philosoph stellt darin die Frage: „Für wen schreibe ich? Dient das Geschriebene primär der Selbstverständigung, oder dominiert der offene oder versteckte (kaum eingestandene) Blick auf die Veröffentlichung und damit auf zwei berühmte Damen, nämlich Frau Mitwelt und Frau Nachwelt, streng und schwer einzuschätzen fürwahr, wie man weiß, die durchaus in heftigem Dissens zueinander stehen können.“
Für wen leben?
Ja, für wen schreiben oder leben wir? Für uns selbst, für die anderen oder künftige Generationen? Die Klärung mag mit derselben Berechtigung von Mensch zu Mensch verschieden ausfallen. Und das ist auch gut so. Es kommt im Leben wahrscheinlich auf die Antwort auf eine weitaus tiefere Frage an, die Kirchhoff so formulierte: „Wie werde ich wirklich und wahrhaftig Mensch, also ohne Selbstüberhöhung und Selbstbetrug? Wie erfülle ich die mit meiner Inkarnation verbundene, ja mit ihr in gewisser Weise identische Aufgabe?“ Die Antwort deutete der Philosoph mit seinem eigenen „kategorischen Imperativ“ des Menschseins ein:

„Wenn keiner, soweit das Auge reicht, den eigentlichen und wahren Menschen bewiese, dann müßtest du selber diesen Beweis antreten! Wenn niemand den Anthropos rechtfertigt, müßtest du es tun!“
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